Prof. Franz Jaeger setzt sich seit Jahrzehnten mit Themen wie Geldschöpfung und Finanzmarkt auseinander. Eine so abstruse Idee wie die Vollgeld-Initiative sei ihm jedoch selten begegnet, sagt der 76-jährige. Im Kurzinterview erklärt er, warum er am 10. Juni Nein stimmen wird.

Die Initianten behaupten, Vollgeld sei schon lange erprobt, weil unser Bargeld ja nichts anderes als Vollgeld sei. Ist also alles gar kein Problem?

Prof. Franz Jaeger: Das Bargeld-Argument ist absurd: Das Bargeld der Notenbank macht heute nicht einmal mehr einen Fünftel der von den Geschäftsbanken für unseren privaten Zahlungsverkehr verwendeten Girogeldmenge aus. Und nun sollen also die Geschäftsbanken aus unserem Zahlungsverkehr verbannt und dieser – über Nacht – verstaatlicht, d.h. dem Staatsmonopol Nationalbank aufgebürdet werden? Für mich absolut nicht vorstellbar, wie dass funktionieren soll. Die Nationalbank wäre damit total überfordert. Gleichzeitig müsssten die Geschäftsbanken das Zahlungsverkehrsgeschäft fahren lassen, was wiederum ihr übriges Geschäft (z.B. Kredite, Hypotheken, Vermögensverwaltung) für Bürger, Wirtschaft und Staat extrem verteuern würde.

Anstoss für die Initiative war die Finanzkrise von 2008. Wäre Vollgeld ein Mittel, um solche Krisen künftig zu vermeiden?

Das gesamte Zahlungsverkehrssystem würde wackelig. Die bisher übers Ganze gesehen so erfolgreiche volkswirtschaftliche Stabilitätspolitik unserer Notenbank käme dadurch unter politischen Dauerdruck und riskierte, ausgehebelt zu werden. Finanzkrisen werden durch die Verstaatlichung des privaten Zahlungsverkehrs keineswegs verhindert. Dafür würde mit einem Vollgeldkonzept der inflationären Finanzierung von staatlichen und privaten Schulden durch die Nationalbank alle Scheunentore geöffnet.

Welches ist für Sie persönlich der wichtigste Grund, die Initiative abzulehnen?

Meine Frage an die Initianten: Warum eigentlich wollen Sie ein System wie unseren Zahlungsverkehr, der seit Jahrzehnten fast durchwegs tadellos funktioniert hat, auf die politische Schlachtbank bringen und durch ein unerprobtes wie extrem abenteuerliches Staatsmonopolkonzept ersetzen? Das ist mir schleierhaft.

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