Die Schweizerische Nationalbank (SNB) lehnt die Vollgeld-Initiative, über die wir am 10. Juni abstimmen, entschieden ab. Dr. Petra Gerlach, Leiterin Geldpolitische Analysen bei der SNB, erklärt weshalb.

Die Vollgeld-Initiative will die Art, wie Geld in Umlauf gebracht wird, grundlegend verändern. Was wäre der wesentliche Unterschied?
Petra Gerlach: Es gibt zwei wesentliche Unterschiede. Erstens soll die SNB das Geld «schuldfrei» in Umlauf bringen. Das heisst, wir würden es Bund, Kantonen und Bevölkerung schenken, anstatt es wie heute im Tausch gegen Devisen oder Kredite an Banken auszugeben. Und zweitens sollen Banken kein Geld mehr schöpfen dürfen. Dies tun sie heute, wenn sie beispielsweise an Haushalte oder KMU Kredite vergeben. Im Vollgeldsystem könnten die Banken zwar weiter im Kreditgeschäft tätig sein, wären aber wegen der dann verbotenen Geldschöpfung weniger flexibel. Das Resultat wären weniger und teurere Kredite.

Eigentlich erhält die Nationalbank damit mehr Macht. Wäre das nicht positiv?
Unser Mandat, die Preisstabilität zu gewährleisten, wäre schwieriger zu erfüllen, wenn wir das Geld «schuldfrei» verschenken. Es käme unweigerlich zum Ruf nach der Finanzierung von Staatsausgaben, und das führt meist zu Inflation. Auch wären solche Finanzierungsentscheide politischer Natur – sie liegen nicht in der Kompetenz der Nationalbank.

Sie lehnen die Vollgeldinitiative also entschieden ab. Aber ist das Anliegen nicht nachvollziehbar?
Ganz generell setzt die Vollgeldinitiative am falschen Punkt an. Sie will die Finanzstabilität garantieren, indem sie den Banken die Geldschöpfung verbietet. Der Hauptgrund für Finanzkrisen sind aber das Unterschätzen von Risiken, das Entstehen von Vermögenspreisblasen und zu wenig Rücklagen. Es ist sinnvoller, direkt hier anzusetzen, wie es der Bund zum Beispiel mit den verschärften Eigenmittelvorschriften für Banken getan hat.

Die Initiative zielt vor allem auf die Geschäftsbanken. Hätte sie auch Auswirkungen auf den Rest der Wirtschaft?
Heute gehen über 90 Prozent aller Bankkredite in der Schweiz an Haushalte und KMU. Sie wären direkt betroffen, wenn die Kreditkosten steigen. Es würde weniger investiert, und Wachstum und Wohlstand würden leiden. Zudem wäre eine Zentralisierung der Geldschöpfung bei der SNB weniger effizient, und die Banken würden weniger oder teurere Dienstleistungen anbieten.

Das Interview mit Petra Gerlach wurde im FDP Frauen Bulletin im Mai 2018 publiziert.

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